PRESS CORNER

Artistische Haarschnitte: “Es darf nicht so friseurig aussehen” – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten -

2. Teil: Warum der tätowierte Mako auf seinen Urlaub verzichtet

Im Seminar zeigt Zimmer mit dem Beamer ein Foto einer extravaganten Frisur, die er einmal für eine Modenschau gemacht hat. “Es sollte so aussehen, als würde die Dame in einem offenen Cabriolet sitzen”, erklärt er. Die größten Defizite der Newcomer sieht Zimmer darin, dass sie zu viel wollen, sich zu sehr bemühen. “Manchmal darf man das gar nicht machen, damit ein Look wirklich lässig aussieht und nicht zu friseurig.”

Nicht zu friseurig. Um sich aber von den rund 80.000 Friseurbetrieben, die es in Deutschland gibt, abzusetzen, brauche der Profi “vor allem ein gutes Auge für Größe und Proportion”, so Manfred Kraft.

Entsprechend sehen die Frisuren der Abschlussarbeiten aus: voluminöser und origineller als alles, was das alltägliche Waschen-Schneiden-Legen hergibt. Turmfrisuren a là Marge Simpson, Zöpfe mit eingearbeiteten Plastikkringeln, Gestecke, mit denen die Trägerin kaum durch die Tür passt. Alle sollen am Ende so richtig auf den Putz hauen und übertreiben.

“Plötzlich stellst du fest, dass 25 Jahre vorbei sind”

Das hat Christian “Mako” Makowski aus Essen, mit 42 Jahren einer der ältesten Teilnehmer, schon lange nicht mehr gemacht. Er ist seit 25 Jahren im Geschäft, sein Salon läuft gut. Aber bei 25 Kunden pro Tag und engem Terminplan gehe die Kreativität flöten, sagt Mako. “Es ist mehr ein Abarbeiten. Jeden Tag wieder. Und plötzlich stellst du fest, dass 25 Jahre vorbei sind.”

Für die teure, durchaus dekadente Fortbildung hat er auf Urlaub verzichtet. Als Selbständiger hat er niemanden im Rücken, der ihm 4000 Euro schenkt. Egal, findet Mako. Endlich könne er sich mal austoben. Und das tut er. Seine Abschlussarbeit nennt sich “Das Haarkleid”. Tatsächlich werden die Haare bei dem Model, das er frisiert, zum Kleid: mit meterlangen Netzteilen und hauchdünnen Holzstreifen, die aus dem wild zusammengesteckten Haar wuchern und bis zum Boden reichen.

Mako, ein großflächig tätowierter Teddybär mit ruhigem Gemüt, frickelt stundenlang an seinem Kunstwerk. Die Star-Friseure Zimmer und Kraft helfen beim Feinschliff. Einige der Abschlussarbeiten, sagen sie, könnten in der “Vogue” gezeigt werden.

“Beflügelt mehr als jeder Meisterbrief”

Mako gibt sich unbeeindruckt. “Ich hab mal versucht, für Designer und große Firmen zu frisieren, aber das schränkt mich zu sehr ein. Die machen einem Vorgaben, wie etwas auszusehen hat. Ich will mein eigenes Ding machen.” Ob er denn nicht nach Paris, New York oder Mailand wolle? “In Mailand hatte ich mal einen Job. Am Ende stehst du da auch nur den ganzen Tag auf einem Hinterhof und machst eine Frisur.”

Auf die Anerkennung, die erhier bekommt, ist er trotzdem stolz. Bei der Abschlussfeier gibt es viel Applaus, Küsschen links und rechts und den ein oder anderen Prosecco. “Für jüngere sollte das hier Pflichtprogramm sein”, sagt Frisör Mako. “Das beflügelt mehr als jeder Meisterbrief.”

Alle Frisöre nehmen drei Hochglanzfotos von ihren Abschlussfrisuren mit nach Hause. Es könnten die Eintrittskarten für neue berufliche Sphären sein. Oder rausgeschmissenes Geld.

So oder so wollen sich viele die Fotos in ihren Salon in der Heimat hängen. Wenn es mit der großen Karriere nicht klappt, können wenigstens die Kunden gucken, staunen und vielleicht über ihren neuen Haarschnitt denken: Ist richtig lässig geworden. Und gar nicht so friseurig.

Presseartikel-Archiv